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EXHIBITION
THE STORY OF RED,GREEN AND BLUE
11.11-26.11.2016
GALERIE
Hauptmarkt 17
90403 Nürnberg,Germany
www.galerie-meisterstueck.de

BILDER ZU EINER FORMEL VON WELT GEFÜGT
Prof. Uli Rothfuss
Ich stelle mir vor: Jedes dieser kleinen Bilder im Gemälde erzählt mir eine Geschichte. Heute, jetzt, wenn ich sie betrachte. Und morgen erzählt es mir eine ganz andere, weil ich vielleicht mit anderen Eindrücken hierher komme und das Bildchen betrachte, weil ich anders aufgelegt bin, weil andere Menschen mich umgeben. Es sind Geschichten, alle, durch die ich den Sinn des Ganzes erfasse; zumindest einen Teil des Sinns, jenen, der sich mir erschließt, und das Beziehungsgeflecht der vielen so im großen Bild tatsächlich oder nur durch mein Betrachten rotierenden Bildchen ergibt dann das Mosaik, den Flickenteppich, der, aus etwas weiterer Ferne betrachtet, sich mir zu einem Gesamtbild formt, zur großen Geschichte, zu einer Formel von Welt.
Was ich sehe, in den Gemälden von Iliya Zhelev: das Auge braucht erst einmal Zeit; genügend Zeit, sich zu gewöhnen an das Wandern zwischen dem kleinformatigem Bild und dem Einordnen ins Ganze; genügend Zeit, Wiederkehrendes immer wieder und immer aufs neue zu entdecken: die Raute, Strichzeichnungen, die an Gebrauchsgegenstände wie Stuhl oder Tisch erinnern; fast zu Piktogrammen vereinfachte Zeichen, deren Geheimnis es sein könnte, per geheimem Code durch das Bild hindurch in eine andere Welt, oder in anderen Welten gar, zu führen. Ab und zu menschliche Gestalten, ein Gesicht, Situationen, Zustände, Gefühlsregungen, ein Herz; ja, Rotwein Trinken, ein, zwei Gläser nur, uns es verdichtet sich noch mehr der Eindruck, hier in eine Welt hineingeraten zu sein, aus der es kaum Entrinnen gibt – weil ich mich gerne gefangen nehmen lasse von dieser Welt der seltsam anrührenden Symbole, von diesem Кosmos der wirbelnden, rotierenden Gestirne, zu deren Тeil ich nun immer mehr werde während der Zeit meines Betrachtens.
Was tun? Also mache ich mich fest an einem dieser Minimalbilder, und ich verbinde es doch wieder und immer wieder mit dem, was ich kenne, was ich heraufhole aus dem Tiefen meiner Erinnerung, meiner eigenen Kinheit, aus der ich schöpfe wie dieser Maler schöpft: der Wald, zum Beispiel, die geschwungenen Linien der Waldberge hinterm Haus, weitläufig, in sattem Grün, und mit goßen Augen gucken sie heraus aus diesem Wald, die Bäume, die märchenhaft merkwürdigen Waldwesen, sie werden zu Bildern im Bild, all die Wesen aus den Tiefen des Waldes, und der Wald wird plötzlich rot, er wirbelt um mich hetum, es wird gelb wie die Sonne, er steht auf dem Kopf, als wüchsen die Tannen mit der Spitze aus dem Boden, wunderlich ist das alles und hat doch so sehr seine Ordnung.
Ein Mädchen im karrierten Hemd, ein anderes flitzt auf dem Fahrrad heraus, drekt auf mich zu, hinten dunkle Wolken und Regenschauer, dazwischen Unerfindliches, Zeichen, die ich nicht oder noch nicht entschlüsseln kann. All das lässt mich fasziniert durch diese Bildwelten irren, als wäre ich längst Teil davon geworden, als verberge sich mein Selbst hinter vielen dieser kleinen, abgeschlossenen Weltentwürfe und Konstruktionen, wie durch einen Sog hinein geführt ins Innere, sobald ich mich auf das Betrachten, entdecken einlasse.
Naiv zu denken, dass Zhelev hier nicht spielen würde mit der Kunst des Naiven, mit der auf letzte Dinge zurück genommenen Schlichtheit der Welt, auch mit den Visionen und Fata Morganen des lange Sehenden, reduziert man sie, seine Kunst, seine akribische Sammelarbeit, erst auf das, was ihren Ursprung ausmacht: rotierende Elemente, die sich formieren, zusammenfügen, zu Geschichten werden, die erzählt werden können. Es entstehen so Zaubermärchen der Magie, die Figuren und Figürchen, die Zeichen und Einsprengsel geben sich Ordnung wie das Weltall nach dem Urknall, das eine in Millionen von Jahren, das andere nach innen gerichtet im Moment der Implosion. So gewinnt auch das Ornament, das man aus dem wirbelnden Bildern herauszuerkennen vermag, Gewicht, es schafft Ordnung und gibt neue Wendung im Chaos der Verbindungen. Vieles vereint sich hier, schlichte Volkskunst des südlichen Balkans, unverkennbar ostkirchliche Symbole, die freilich sich einordnen müssen in ein weltlich-menschliches System, die Geometrie auch als Ordnung gebendes Element. Zutiefst menschliche Gefühle symbolisierende Einschläge tauchen herauf wie das immer wieder herangeführte Herz, in grün, in schwarz, hier umgeben vom blutenden Rot. Phantastisch und zugleich tierhaft die Bilder, wie eine den Zweig hinaufschlängelnde Raupe, das in Wellenbewegungen forteilende Tier, das so fragil bleibt, dass es ständig zu verschwinden, sich selbst aufzuheben droht.
In ihrer Farbigkeit, in der Flächigkeit ihrer Farben, in ihrer Symbolaneinanderreihung sind die Bilder insgesamt ähnlich, freilich bei genauem Betrachten wieder völlig verschieden, erzählen sie doch ganz unterschiedliche Geschichten, die wesentlich auch vom Betrachter gefunden werden müssen. Zhelev ist ein Aufforderer, Geschichten aus seinen Bildern heraus zuzulassen. Der Maler brachte Geduld auf beim Entwerfen der Flickenteppiche, bei der bewusst in Beziehung gesetzten Anordnung seiner Welten im Miniformat; so braucht auch der betrachter einfach Zeit – diese Bilder können nicht erschlossen werden, wenn man hektisch an ihnen vorüberzieht. Sie ziehen dich hinein, wenn du stehen bleibst und mit dem Betrachten beginnst; und dein Betrachten wird sich schnell ändern, wenn du es zulässt. Du verweilst beim Bild im Bild, du suchst Ordnung, Beziehung zum nächsten, Bezüge zum Ganzen. Und vor allem zu dir selbst, und so wirst, so kannst du dich finden – auch in dir, in deinem Leben diese Art von Symbolen, von Figuren, von Andeutungen finden, die zu Geschichten gehören und dir und anderen sie wieder und wieder erzählen. Traum – und retselhaft, dabei liebenswürdig verträumt, mit der Aufforderung, Irrungen und Vergaloppieren zuzulassen, die Phantasie ihre Streiche spielen zu lassen, denn das Leben ist auch das: sich zuzutrauen, wieder heraus zu finden, und dann mit dem Gewinn der inneren Bilder weiter zu leben und sich diese dabei stets vergegenwärtigen zu können. Das, so möchte ich sagen, macht Kunst aus, Anregungen zu finden aus dem Kleinsten, und daraus das Große zu gestalten. Zhelev gelingt das wieder und wieder. Ein Gewinn.
Prof. Uli Rothfuss,
Dr. phil. h.c. (staatl. Univ. Tiflis), PhDr., M.Sc. Kulturwissenschaftler, Publizist.Rektor der Akademie Faber-Castell in Stein/Nürnberg und Leiter des Hochschulprogrammes der Akademie. Präsident der Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE; Mitglied im Internationalen PEN; Mitglied der Academie Europeenne des Arts, Sciences et Letters, Paris. Lebt in Zirndorf/Mittelfranken und Calw/Schwarzwald